Angelika Mundorff / Eva von Seckendorff
Um 1900 wurde Fürstenfeldbruck zum Rückzugsgebiet für Künstler aus München und anderen Kunstmetropolen, die dem hektischen Kulturbetrieb der Großstadt entfliehen wollten. In dem kleinen Markt lebte man beschaulich, komfortabel und billig und konnte sich von der intakten Naturkulisse der sanfthügeligen Amperlandschaft inspirieren lassen.
Auch die Maler Adolf Des Coudres (1862-1924) und Selma Des Coudres (1883-1956) lebten und arbeiteten viele Jahre in Fürstenfeldbruck, als Paar allerdings erst seit 1919. Wie sich der 57jährige, akademische Landschaftsmaler und die 36jährige, unkonventionelle Künstlerin gefunden haben, können wir heute leider nicht mehr nachvollziehen. Weder Briefe noch mündliche Überlieferungen geben Auskunft über ihre erste Begegnung. Als Zeitpunkt lässt sich aber recht genau das Jahr 1918 benennen.
Adolf Des Coudres, der im Karlsruher und Münchener Kunstbetrieb als Landschaftsmaler reüssiert hatte, war schon seit dem Sommer 1910 hier vor Ort. In der Emmeringer Straße 55 hatte er sich in der Nähe der befreundeten Maler Franz Gräßel und Henrik Moor eine kleine Villa mit Atelierräumen bauen lassen. 1918 verkaufte er das Haus in Emmering und bezog eine Wohnung in Fürstenfeldbruck, im 1. Stock der Schöngeisinger Straße 6, im so genannten Bexenhaus.
Selma Plawneek (1883-1956), eine junge, eigenwillige Frau aus Riga und gute Freundin von Joachim Ringelnatz, zog erst nach dem Ende des ersten Weltkrieges 1919 in den idyllischen Markt an der Amper. Sie zählte zu den bekannten Künstlerinnen des Baltikums und hatte in den Malschulen von Adolf Hölzel in Dachau und Julius Exter in Feldwies zu einer expressiven Malweise gefunden. Wie alle Künstlerinnen jener Zeit hatte Selma keine akademische Ausbildung absolvieren können. Der Besuch einer Kunstakademie war bis in die 1920er Jahre männlichen Studierenden vorbehalten. Die politischen Wirren hatten die 36jährige baltische Künstlerin 1919 aus Riga vertrieben und offenbar war es Adolf Des Coudres, der sie nach Fürstenfeldbruck lockte.
Selma war nach ihrer Ankunft in Fürstenfeldbruck über zwei Jahre im Haus der Familie Wurmdobler in der Fürstenfelder Straße gemeldet. Am 3. November heiratet sie den um 20 Jahre älteren Maler Adolf Des Coudres und zieht offiziell in seiner Wohnung ein.
Das Ehepaar Des Coudres war Gesprächsthema in Fürstenfeldbruck. Adolf Des Coudres war ein kleingewachsener Mann. Frau Selma, eine wirklich große stattliche Baltin, überragte ihren Gatten unübersehbar. Mit der Pfeife im Mund schien das Bild von ihrer Rolle als Familienvorstand abgerundet. Zum augenfälligen Größenunterschied kam dann noch der enorme Altersunterschied.

Im Hochzeitsbild machte Selma daraus keinen Hehl und hielt ihrer beiden Auftritt nicht ohne Humor fest.
Die äußere Erscheinung des Paares stellte das damals gängige Rollenmuster auf den Kopf, das auf der Dominanz des Mannes beharrte. Bei den meisten Künstlerpaaren dieser Zeit herrschte eine eindeutige Rollenverteilung:
Der Mann beanspruchte den Part des kreativen Genies und die zugehörigen Frau hatte die Muse zu sein, die ihr Leben dem überragenden Künstlergatten widmete. Max Beckmann (1884-1950) beispielsweise erließ ein Malverbot für seine junge Frau Minna Tube (1881-1964), die er als Mitschülerin in der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule in Weimar kennengelernt hatte. Von ihr erwartete er, dass sie „ihr Talent mit in seine Arbeit zu legen“ habe.

Auch Lovis Corinth (1885-1925) hat seine Frau Charlotte (1881-1964) mit Malverbot belegt, und die talentierte Malerin hatte sich mit der Rolle der Muse und des Modells begnügen müssen. Selbstverständlich ist es auch der Künstler, der die Künstlergattin und das Künstlerpaar porträtiert: sich selbst in einer dominanten Position, mit dem Griff in den Nacken oder an die Brust der Gattin oder sie gänzlich umfassend. Die Frau allein wird gerne als nacktes Modell dargestellt.
Anders bei den Des Coudres: Ein Porträt von Adolf, das Selma oder beide als Paar zeigt, ist nicht überliefert. Selma allerdings hat sich und den Ehemann öfters dargestellt. Sie scheute sich nicht, in einer karikierenden Skizze ihre Dominanz in Sachen Größe herauszustellen. Auf Interieurbildern der gemeinsamen Wohnung zeigt sie ihren Gatten Adolf lesend und schlafend. Eine ungewohnt inaktive Rolle für einen Künstlergatten.
Selmas Bilder suggerieren eine große Vertrautheit und Geborgenheit. Eine Zeichnung, die ihren Gatten an der Staffelei zeigt, fängt den professionellen und souveränen Habitus des Künstlers ein und stellt klar, dass sie ihren Mann, den Künstler durchaus bewunderte.
Selma und Adolf Des Coudres haben sich in ihrer Arbeit wechselseitig inspiriert und gefördert. Dies hat sich sicherlich nicht nur darauf bezogen, dass sie gelegentlich dasselbe Motiv zeigten.

Beide waren leidenschaftliche Landschaftsmaler, wenn auch mit unterschiedlichen Ambitionen. Adolf Des Coudres, der die Kunstakademie in Karlsruhe absolviert hatte, malte Landschaften, die reine Stimmungsbilder sind. Selmas Bilder weisen dagegen auch erzählerische Momente auf, zum Beispiel Bäuerinnen, ein Element, das von ihrer Arbeit als Illustratorin herrührt. In ihren späteren Gemälden treten jedoch die malerischen Elemente Farbe und Form in den Vordergrund. Möglicherweise haben Adolfs autonome Landschaftsbilder sie darin bestärkt.
Adolf des Coudres Malweise hingegen scheint in seinen späteren Bildern deutlich von Selmas künstlerischem Stil beeinflusst. Die Farbpalette wird kontrastreicher und heller, der Pinselduktus spontaner, geradezu expressionistisch.
Adolf zeigte seine Werke schon seit 1891 in den Kunstausstellungen im Glaspalast. Selma, die nur sporadisch in Bayern weilte, war mit dem Münchener Kunstbetrieb sicherlich wenig vertraut. So ist zu vermuten, dass Adolf Des Coudres Selma dazu angeregt hat, sich für die Kunstausstellung im Glaspalast 1919 zu bewerben und ihr vielleicht auch den Weg geebnet hat. Im August 1919 zeigte Selma dort zwei Ölgemälde „Herbstmorgen“ und „Weiher“ in der freien Kunstausstellung. 1922 sind beide in den Räumen der Münchener Künstlergenossenschaft zu finden, wobei nicht anzunehmen ist, dass Selma Mitglied in der Genossenschaft war.
Selma zeigte das Gemälde: „Atelierecke“ und auch Adolf präsentierte ein Ölbild mit diesem Titel.
Während Selma schon in ihrer Rigaer Zeit Interieurs ausgestellt hat, z. B. 1910 im Kunstverein, ist bei Adolf Des Coudres diese Bildgattung zum ersten Mal 1918 mit dem Bild „Interieur mit Hund“ im Glaspalast zu finden. Spätestens in diesem Jahr muss der Maler seine Kollegin Selma kennenlernt haben, da wir auf dem Interieur die bunte Decke Selmas wiederentdecken, die auf zahlreichen frühen Bildern der baltischen Künstlerin zu finden ist. Adolf widmete sich seitdem mehr und mehr seiner unmittelbaren Umgebung. Verdankt sich diese motivische Neuorientierung einer altersbedingten Immobilität oder den Anregungen Selmas?
Auch von Selma Des Coudres sind Interieurs aus dieser Zeit überliefert. Sie zeigen die Wohnung im Bexenhaus als einen Ort der Behaglichkeit und Geborgenheit.

Von dem täglichen und gesellschaftlichen Leben der beiden Künstler aus den wenigen gemeinsamen Jahren in Fürstenfeldbruck wissen wir nicht allzu viel. Aus den Bildern, die Selma immer wieder von Adolf zeichnete oder malte, sprechen liebevolle Sympathie und Intimität. Der Freundeskreis in Fürstenfeldbruck war in diesen Jahren wohl noch recht übersichtlich. Die Kontakte zur Familie des Malers Henrik Moor waren eng. Adolf war sogar Pate der Moor-Tochter Julie. Selma war mit Henrik Moors Tochter Sissi sehr gut bekannt, wohl aus der Münchener Bohème-Szene. Adolf war spätestens seit den 1890er Jahren mit Henrik Moor in Kontakt, beide waren Mitglieder der Luitpold-Gruppe in München. Man pflegte Freundschaften zu gemeinsamen Malerfreunden, wenn auch nicht immer gänzlich harmonisch, wie aus einer Notiz Selmas hervorgeht:
„Otto Pippel war mit Moor und Adolf befreundet, war oft in Bruck und wir haben zusammen gemalt. Ich schätze ihn nicht besonders, aber er ist ein Verkaufsgenie, Geschäftssinn ist die Hauptsache.“
Auch Erich Blaich, der in Fürstenfeldbruck wohnhafte Schriftsteller und Simplicissimus-Mitarbeiter, war mit dem Ehepaar gut bekannt und wurde 1921 von ihnen gebeten, ihr Trauzeuge zu sein. Trotz der förmlichen Anrede „Sie“, die in wenigen Briefzeilen überliefert ist, lässt die Form folgender eigenwilliger Widmung das Niveau der intellektuellen und freundschaftlichen Beziehung erkennen:
„Dem lieben Ehepaar Des Coudres zwischen Furcht und Mitleid zugeeignet vom Trauzeugen Dr. Owlglass, Weihnachten 1921“
Dass auch Joachim Ringelnatz den Mann seiner lieben Freundin Selma schätzte, erfahren wir aus einem Brief, in dem er einer gemeinsamer Freundin vom Leben der Selma Des Coudres erzählte: „Wanjka, also Selma Plawneck hatte einen entzückenden älteren Herren geheiratet, den Maler Des Coudres. Leider ist dieser vortreffliche Mensch vor einem Jahr gestorben.
Von Adolf Des Coudres kennen wir kein Urteil über die Kunst Selmas. Selma hingegen lässt in Briefen immer wieder anklingen, wie sehr sie das Werk Adolfs schätzte:
„… das Bild von Adolf, das Du zuletzt mitnahmst, liebe ich sehr. Es gewinnt bei längerer Betrachtung immer mehr.“
Sehr ungehalten reagierte sie auf die „Restaurierung“ einiger Bilder des verstorbenen Malers. Die Gemälde waren mit einem dicken Firniss überzogen worden, der die malerische Oberfläche erstickte:
„Als ich gestern Abend nach Hause kam, sah ich mir das blaue Bild mit der Brille an, weil ich es irgendwie verändert fand und nicht mehr so schön wie früher. Da sah ich dann mit Schrecken wie furchtbar es gefirnisst war, lackiert wie ein alter Strohhut, es glänzte und glitzerte nur so. Ich denke nun mit Trauer an die anderen Bilder, die auch so aussehen, besonders der große Baum tut mir leid. Wenn nach einigen Jahren der Firnis gelb wird, man weiß ja nicht womit er angestrichen hat, dann kannst Du Dich freuen, diesen fingerdicken Anstrich herunterzubekommen. Ich habe nun bis 1Uhr nachts gearbeitet, habe eine halbe Flasche Terpentin verbraucht und 5 Lappen, bis ich die ganze Schweinerei wieder weggekriegt habe, Adolf müsste sich ja im Grabe umdrehen, wenn er das wüsste. Ein Bild ist doch kein Schleiflackmöbel. Ich flehe Dich nun an die beiden Bilder, die Du gestern mitnahmst, nicht auch zu verderben.“
Nach dem Tod Adolf Des Coudres im September 1924 war der Verkauf seiner Bilder, die noch in großer Zahl vorhanden waren, eine wichtige Einnahmequelle für die Malerin. 1925 bestückte Selma posthum noch einmal eine Ausstellung im Glaspalast mit Werken Adolfs, die käuflich waren. Auch dem Neffen Adolfs, Hans-Peter des Coudres, vertraute Selma Werke zum Weiterverkauf an:
„Mit meinen Adolf-Bilder-Interessenten muss nun also gewartet werden, bis ich mit ihnen im Sommer im Auto zu Dir kommen kann. Hoffentlich wird etwas daraus. Ich werde jedenfalls nicht locker lassen. Der Vorrat und die Auswahl in Deinem Keller usw. ist noch so groß, dass Du keine Sorge haben brauchst, dass ich mir nicht einige wenige mir am besten gefallende Bilder reserviere…“
Selma hat nach dem Tod Adolfs keine „wilden Bilder“ mehr gemalt. Sie orientierte ihr Schaffen am Publikumsgeschmack und fertigte Auftragsarbeiten für Käufer vor Ort. Damit blieb sie im Gedächtnis der Stadt. Bilder von Adolf Des Coudres sind öffentlich kaum zu auszumachen. Viele sind im Familienbesitz geblieben, da sie offenbar keine Käufer gefunden haben. Er hatte – von der Familie mit ausreichenden finanziellen Mitteln ausgestattet – für seine Kunst gelebt und es sich weitgehend erlauben können, dem regionalen und überregionalen Kunstbetrieb fern zu bleiben. Trotz oder gerade wegen seiner künstlerischen Qualitäten, die vor Ort wenig gefragt waren, geriet er nahezu in Vergessenheit.