Nicolai Brandt – Des Coudres
Im Jahr 1930 arbeitet Joachim Ringelnatz an der Vollendung seiner Autobiographie. Die letzten Kapitel werden fertiggeschrieben und korrigiert. Er ist zu dieser Zeit viel auf Vortragsreisen und korrespondiert regelmäßig mit seiner Frau Leonharda Pieper (er nennt sie „Muschelkalk“), deren Rat er sucht und schätzt. Am 22. September 1930 schreibt er ihr aus Hannover:
„Lieber Kalk, (...) Überlege Dir ferner, wem ich das Buch widmen kann, Selma Des Coudres, Meta Seidler, Oskar Dolch? Soll ich es Dir widmen? Eichhörnchen? Am meisten bin ich dafür, es Asta Nielsen zu widmen oder „meinem Freund Muckelmann“. (...)1
Wenige Tage später erreicht Muschelkalk ein weiteres Schreiben aus Hannover, - Ringelnatz ist zu einer Entscheidung gelangt:
„(...) ich komme mehr und mehr dazu, das Buch nicht ihr (gemeint ist Asta Nielsen), sondern „meiner Freundin Frau Selma Des Coudres“ zu widmen“. (...)2
1931 ist es schließlich so weit. Im Ernst Rowohlt Verlag in Berlin erscheint Ringelnatz´ Autobiographie „Mein Leben bis zum Kriege“, gewidmet „Meiner Freundin Wanjka, Frau Selma Des Coudres“.

Im März des Jahres erhält Selma Post aus Berlin. Darin ein Exemplar der Erstausgabe mit der handgeschriebenen Widmung:
„Dir
bleibe ich von Herzen
zugethan, und sende
Dir das erste Exemplar
dieses Buches mit
innigen Grüssen
von Deinem
Joachim Ringelnatz
und Muschelkalk
21. März 1931
Frühlings-Anfang“ 3
Die enge Freundschaft der Beiden währte zu diesem Zeitpunkt bereits 22 Jahre. Joachim Ringelnatz hatte die Künstlerin Selma Des Coudres 1909 in der legendären Münchner Künstlerkneipe „Simplicissimus“, dem „Simpl“, kennengelernt. Mit regelmäßigen Auftritten avancierte der anfangs unbekannte Ringelnatz in diesem Treffpunkt der Schwabinger Bohéme in kürzester Zeit zum Hausdichter und damit quasi Angestellten der geschäftstüchtigen Wirtin Kathi Kobus. Ringelnatz wurde Freund und Kollege der dort auftretenden und verkehrenden Künstler wie Carl Georg von Maassen, Erich Mühsam, Frank Wedekind, Ludwig Thoma, Emmy Hennings, Roda Roda, Bruno Frank und Max Reinhardt.4
Über seine erste Begegnung mit Selma und ihrer Freundin im „Simpl“ schreibt Ringelnatz in seiner Autobiographie:
„Eines Nachts saßen zwei Damen mit Riesenhüten und malerischen Schultertüchern dort schüchtern im Gedränge. Ich überreichte ihnen zwei Rosen und ward so bekannt mit ihnen. Zwei Baltinnen aus Riga. Sie nannten sich Wanjka und Fanjka. (...)
Wanjka war eine sehr begabte, arme Malerin, der ein Stipendium die Reise nach München ermöglicht hatte. Für beide war der Besuch im „Simpl“ ohne männliche Begleitung ein verwegener Entschluss und ein ungeahnt künstlerisches Erlebnis.“ 5
Selma Des Coudres muss eine beeindruckende und zuweilen vielleicht sogar verwegen wirkende Persönlichkeit gewesen sein. Zeitgenossen beschreiben sie als „große und stattlich gebaute Baltin“, mit fast maskulinen Zügen, natürlicher Herzlichkeit und offenem, fröhlichen Wesen. Bereits in jungen Jahren führte sie ein emanzipiertes, selbstbestimmtes, wenn auch oftmals mittelloses Leben. Warum sie sich selber den Namen „Wanjka“ gab, ist nicht bekannt. In der Literatur findet sich ein gleichnamiger armer Schustergeselle in Anton Tschechows Weihnachtsgeschichte und auch in dem russischen Volksmärchen „Die Teufelsflöte“ von August Löwis of Menar spielt der bauernschlaue Junge „Wanjka“ eine zentrale Rolle. Vielleicht wurde ihr der Name aber auch einfach von einem Kindermädchen verliehen. Kosenamen aus der Kinderzeit ein Leben lang zu verwenden war im Baltikum gängige Praxis.
Über seine neue Bekanntschaft schreibt Ringelnatz in seiner Autobiographie weiter:
„Dann befreundeten wir uns etwas mehr und mehr, und ich besuchte sie in Dachau, wo sie (gemeint sind Wanjka und Fanjka) Natur und Menschen studierten, skizzierten und sich amüsierten. Mit Pinsel und Klampfe in der bayrischen urwüchsigen Gemütlichkeit und Derbheit. (...) Wanjka, Fanjka und ich zogen mit Mohnblumen geschmückt durch die Dorfstraßen. Längst nannten wir uns du. Wir sangen, und ich trieb allerlei Übermut, der die Mädchen genierte und doch gleichzeitig amüsierte. Die dunkeläugige Wanjka rauchte eine Zigarette nach der anderen. (...) Beide Mädchen hatten keine Eltern mehr und mußten sich selbst ernähren. Fanjka und Wanjka waren tapfere und bescheidene Menschen.“ 6
Über Selmas Freundin Fanjka (Fanny v. Deeters) ist nicht viel bekannt. Es muß sich um eine etwa gleichaltrige Lehrerin gehandelt haben, die ebenfalls aus Riga stammte.
In dem 1937 erschienen Buch „In Memoriam Joachim Ringelnatz“, einer Bibliographie, eingefügt in biographische Notizen, unveröffentlichte Gedichte und Erinnerungen der Freunde, blickt auch Selma in einem Gastbeitrag auf die Dachauer Zeit und Ringelnatz´ Späße zurück:

(...) „Er machte ja solche Sachen mit Vorliebe, und wenn ich dabei war, machte es ihm eine besondere Freude, weil er wußte, wie schrecklich es mir war, aufzufallen: „Es ist ganz gleich, was die Menschen denken, wenn man was Rechtes tut, muß man darauf keine Rücksicht nehmen“, hielt er mir immer vor. So standen wir mal im Regen auf dem Marienplatz in München in einer dichten Menschenmenge – ich weiß nicht, was los war – , da warf er seinen Regenschirm in die Luft und schrie : „Ich kann meine Großmutter hüpfen lassen, wie ich will“. In der Dachauer Zeit sind mir viele Pfirsichbowlen im Zieglerbräu in der Erinnerung, er hatte damals gerade etwas Geld, und der Zustand mußte ausgekostet werden. Seinen Zigarrenladen in der Schellingstraße in München hatte er noch (Ringelnatz hoffte mit dem Tabakladen Tabakhaus Zum Hausdichter Geld verdienen zu können, doch das originelle Geschäft (geschmückt mit einem menschlichen Gerippe) machte nach einigen Monaten Pleite.) nach Schluß desselben kam er dann oft abends nach Dachau , um gegen zehn Uhr wieder nach München in den Simpl zu fahren, einigemal kam er dann nach dem Simpl wieder zurück und weckte mich um fünf Uhr morgens durch Steinwürfe an mein Fenster, tobte dann auf der Straße unter beständigem Schimpfen über mein langes Ankleiden (natürlich wieder zum Gaudium oder zur Empörung der Nachbarn), und wir gingen dann ins Wirtshaus, wo die Stühle auf den Tischen standen und die Dielen gescheuert wurden.“7
Später ergaben sich Berührungspunkte, als Ringelnatz seinen Freund Thilo von Seebach nach Kurland begleitet, wo Letzterer auf Halswigshof die Tochter des Hauses heiratet. Im folgenden Herbst und Winter bewohnt Ringelnatz Fanjkas Strandhaus in Bilderlingshof, dem Badevorort von Riga im selbstgewählten Exil. Selma berichtet in eigenen Worten auch von dieser gemeinsamen Episode:
„Im nächsten Jahr, 1910,8 fuhr Ringel nach Livland, als ich noch in München blieb. Als ich im Herbst nach Riga kam, traten er und Fanjka bei mir zur Begrüßung an, und Ringel sang, von Fanjka auf der Gitarre begleitet, ein langes russisches Volkslied, das er an der Düna von Holzfällern, glaube ich, gelernt hatte, er hatte vom Inhalt keine Ahnung und Aussprache und Betonung waren furchtbar komisch, aber er sang mit Ernst und Inbrunst. Fanjka hatte ein Strandhaus, in dem Ringel im Winter nachher ganz allein wohnte. An schönen Herbsttagen machten wir alle von Riga aus Ausflüge dahin und nahmen Proviant mit, Ringel trug den Koffer, in dem auch zwei Weinflaschen waren, und setzte ihn sehr energisch auf die harte Bank in der Eisenbahn. Während der Fahrt wurde er sehr unruhig, rutschte auf der Bank hin und her und sagte schließlich: „Ich glaube, hier gibt es Schinken in Burgunder.“ Er saß mitten im Wein, die Flaschen waren kaputt.“9
Den folgenden strengen Winter in dem eiskalten Strandhaus verbrachte Ringelnatz unter härtesten Bedingungen und seine materielle Lage war äußerst prekär. Erfinderisch angesichts seiner wirtschaftlichen Notlage verdiente er sich etwas in Bordellen, wo er als Wahrsagerin verkleidet den Prostituierten die Zukunft vorhersagte. Auch seine Freundin Selma suchte er in diesem Aufzug heim. Sie erinnert sich:
„Als meine Pensionsmutter mir eine alte Zigeunerin in der Dämmerung an die Zimmertür brachte, die durchaus nicht abzuweisen war und unter unverständlichen Gemurmel meine Hand nahm, um wahrzusagen, war ich sehr entrüstet und wollte sie hinauswerfen, aber sie ging nicht, mir wurde die Sache unheimlich und ich wollte schon Hilfe herbeiholen, als ich plötzlich in seine blauen Augen sah. Er hatte sogar einige von mir geborgte Kleidungsstücke an und war doch so echt, daß ich darauf nicht geachtet hatte“ 10
Die Lust an der Verkleidung und am Rollenspiel findet sich bei Ringelnatz in vielen Anekdoten. In Riga versetzte er, mittellos wie er war, seine Manschettenknöpfe um mit den Freundinnen (gemeint sind Wanjka und Fanjka) ein Maskenfest mitzumachen. Schon in München war Ringelnatz manchmal als Frau verkleidet auf Entdeckungsfahrt durch die Stadt gezogen.

Selma teilte diese Leidenschaft. Bei den opulenten jährlichen Faschingsfesten im Kreis ihrer Brucker Künstlerkollegen sorgte sie regelmäßig mit ausgefallenen Kostümen für Aufsehen. Photographien aus der Zeit zeigen sie mal als Nofretete im ägyptischen Aufzug, mal im Charleston-Look der 20er, dann wieder als Pierrot oder Römerin. Auch ihre wirtschaftliche Lage ließ keinen Kauf von Kostümen oder Schmuck zu – sie behalf sich stattdessen mit Kreativität und handwerklichem Geschick: Ihre Schmuck-imitationen für die Maskenbälle fertigte sie kurzerhand aus goldbemalten Pappen an.
Den 1883 als Hans Bötticher geborenen Dichter und die im selben Jahr geborene Malerin verband nicht nur der Sinn für (schrägen) Humor, sondern auch ein eher lässiger Umgang mit gesellschaftlichen Konventionen und ein ausgeprägt geselliger und lebensfroher Charakter.
Beiden war auch vertraut, wirtschaftliche Notlagen als ständige Begleiter in vielen Lebensphasen zu erdulden. War die persönliche Not groß, waren die Freunde füreinander da. In seiner Autobiographie von 1931 erinnert sich Ringelnatz an seine Lage in Riga im Jahre 1911:
„Und immer mal wieder kein Geld. Ich wartete. Ich wartete. Auf Wanjka und Fanjka, die mir immer wieder aushalfen, so gut sie´s vermochten“ 14 (...) „Nichts hatte ich mehr zum Versetzen. Mit Mühe brachte ich soviel Geld zusammen, daß ich nach Riga fahren konnte, um Wanjka nochmals anzupumpen, was mir nachgerade sehr peinlich wurde. Ich traf sie nicht an. So irrte ich den ganzen Nachmittag trostlos in den Straßen umher. Abends begegnete ich Wanjka. Sie war in Begleitung ihres Freundes. Ich genierte mich, mein Anliegen vorzubringen und tat auch so, als wäre ich angekommen und gar nicht in Wanjkas Wohnung gewesen. Wanjka aber unterbrach mich erstaunt und sagte laut vor dem Baron: „Warum lügst du denn? Ich weiß doch, daß du bei mir warst. Wahrscheinlich brauchst du Geld. Das kannst du doch offen sagen.“ Wanjka war ein Mädchen, ist heute eine Frau und nach wie vor eine treue Freundin von mir, der ich nicht eine einzige Lüge nachweisen könnte, nicht mal eine Lüge aus Höflichkeit oder Rücksicht.“ 11
Bereits vor Ausbruch des 1. Weltkriegs gehört Selma zu den bekanntesten jungen Künstlerinnen des Baltikums. Ab 1907 bringt das „Jahrbuch der bildenden Künstler der Ostseeprovinzen“ Abdrucke ihrer Werke und sie zeigt Ölgemälde, Zeichnungen, Holzschnitte und Linoldrucke in den Ausstellungen des baltischen Künstlerbundes im Kunstverein Riga und im Städtischen Kunstmuseum Riga.12 Es ist das Genre Landschaft, zu dem sie sich besonders berufen fühlte und in dem sie, ihrem eigenen Urteil gemäß, im Leben ihr Bestes geleistet hat.
Wiederkehrendes Motiv dieser Landschaftsbilder sind die Kiefernwälder Ihrer baltischen Heimat. Inspiriert von diesen Arbeiten verfasst Ringelnatz sein Gedicht „Die Dünenwälder bei Riga“:
Die Kiefernwälder meiner Heimat
Rauschen ein ernstes, ergreifendes Lied
Von Einsamkeit und Ewigkeit.
Dort habe ich oft meine kindlichen Sorgen
Still in das traumvolle Moos geweint.
Wenn die Sonne scheint, dann flammt und flutet
Über die Dünen das Abendrot,
So goldig, so brennend wie die Sehnsucht,

Die mich nach fernen Gestaden gelockt.
Dann ist es, als wären die Bäume
in leuchtendes Blut getaucht,
So rot, so glühend
Wie das Heimweh, das mich zurückruft,
Dem Liede zu lauschen
Von Einsamkeit und Ewigkeit13
Die beiden Künstler ergänzen sich gut und gehen gemeinsame Projekte an, bei denen Selma zwar ihr Talent für Karikatur und Illustration einbringen kann, die aber nicht immer den ersehnten Erfolg bringen:
„Die Schnupftabakdose war schon erschienen, als unser Buch „Federn vom losen Vogel, Verfasser entflohen“ entstand. Ringel gab mir damals die Verschen, zu denen ich im Laufe eines Sommers (es handelt sich um den Sommer 1914) die Bildchen machte. Kurz vor dem Kriege schickte er dann alles an verschiedene Verleger, die aber kein Verständnis für die Sache aufbrachten. Bei Ausbruch des Krieges gab er mir dann die Bilder, die gerade wieder zurückgekommen waren, und die Verse hat er dann nachher hier und da veröffentlicht.“14
Der Ausbruch des 1. Weltkriegs trennt Beide für einige Jahre. Der Seefahrt erprobte Ringelnatz leistet Dienst als Mariner bei der kaiserlichen Kriegsmarine während Selma vorübergehend in die Schweiz emigrieren muss.15
1915 ist Ringelnatz in Friedrichsort bei Kiel stationiert. Von hier schreibt er am 3. Juni der gemeinsamen Freundin Erna Krauß mit dem ihm eigenen Humor:
„(....) An Selma denke auch ich oft, wie an meine sonstigen baltischen Freunde. Die werden, wenn sie dann noch leben, nach dem Krieg viel zu berichten haben. Ich hoffe immer auch nach Riga zu kommen, um eine Mine vor Selmas Schlafzimmer zu legen, aber daraus wird anscheinend nix (...)“
Vier Jahre später ist es Ringelnatz, der seiner in akuter Notlage befindlichen Freundin hilft. Selma erinnert sich:
„Sehr gerührt hat mich seine treue Freundschaft, - die er mir auch sonst hundertmal bewiesen hat, - als ich durch den Bolschewikeneinbruch im Baltikum an der Rückreise verhindert ganz ohne Geld in Fürstenfeldbruck saß. Es war im Jahre 1919, und Ringelnatz ging es auch nicht gut, da schickte er mir sein rührendes Sparkassenbuch, von einer Münchener Kasse, er selbst war in Norddeutschland. Durch Einzahlung von ganz kleinen Beträgen war das Kapital auf fünfzig Mark angewachsen. Daß Ringel überhaupt zu sparen versucht hat, hat mich sehr verblüfft, es sah ihm gar nicht ähnlich, ich brachte es auch nicht übers Herz, den Betrag abzuheben, aber ich war sehr gerührt. (...)“16
Zu einer dauerhaften Rückkehr ins Baltikum sollte es für Selma Plawneck nicht mehr kommen. Sie übersiedelt von München nach Fürstenfeldbruck und heiratet dort 1921 Adolf Des Coudres.
Ringelnatz´ Hochzeitsgeschenk ist eine Ausgabe seines Werks „Ein jeder lebt´s“, versehen mit einer persönlichen Widmung:
„Fräulein Selma Plawneck
und
Frau Selma Des Coudres
(das ist immer dasselbe liebe Luder)
wünscht eine fröhliche
Spirituskocherexplosion, lustige Hoch-
zeit und Sommersprossen - Joachim Ringelnatz“ 17
Auch Ende der 20er Jahre verbindet die Beiden wieder eine gemeinsame Erfahrung. Ringelnatz, inzwischen nicht allein Dichter sondern auch Maler und Zeichner, (seine bildnerischen Werke erscheinen erstmals 1928 in seinem Band „Matrosen“) bewirbt sich um die Teilnahme an einer Ausstellung der Neuen Secession.Er wird jedoch von der Ausstellung ausgeschlossen und da es seiner alten Freundin Wanjka ebenso erging, dediziert er ihr ein Exemplar seines Gedichtbandes „Allerding“ mit den Worten:
„Mein lieber Wanjka,
die armselige, neidische
Neue Secession kann
uns beide -
herzlichst Dein
Ringelnatz,
München, 13. Juni 1928“ 18
In dieser Zeit meldet sich auch „Fanjka“ gänzlich unerwartet wieder bei Ringelnatz. Sie erkundigt sich in ihrem Schreiben nach Ringelnatz´ Befinden und nach der gemeinsamen Freundin Selma. Sie siezt ihn und äußert zudem ihr Unverständnis über die Wahl seines Künstlernamens. Ringelnatz antwortet ihr:
„Liebe Fanjka, Es könnte mir nicht einfallen, Deinen Brief unbeantwortet fortzuwerfen, und ich stehe auch mit Selma Plawneck noch in bestem Verkehr, denn ich bin treuer wie Du, die Du in dreizehn Jahren nicht ein einziges Mal Dich um Deine ehemaligen Freunde gekümmert hast. Du bist ein geschupftes Huhn. Warum nennst Du mich denn Sie, und wendest so einen gewundenen, unnatürlichen Stil an? Dass Du meinen neuen Namen Ringelnatz geschmacklos findest, ist ja Deine Angelegenheit. Aber sollte ich denn vorher Deine Genehmigung dazu einholen?
Wenn Du wieder gesund bist, was ich Dir recht bald erhoffe musst Du uns einmal besuchen, und dann wollen wir ganz einfach und herzlich über jene schönen vergangenen Tage und gemeinsamen Erlebnisse sprechen. Ich bin schon seit 6 Jahren verheiratet, und meine Frau wird sich freuen, Dich kennenzulernen.
Wanjka, also Selma Plawneck hatte einen entzückenden älteren Herren geheiratet, den Maler Des Coudres. Leider ist dieser vortreffliche Mensch vor einem Jahr gestorben. Nun lebt Selma in Fürstenfeldbruck und tut sich als Malerin in dieser Zeit natürlich besonders schwer. Wir haben sie sehr lieb, und wir besuchen uns gegenseitig öfters. Ich werde ihr Deinen Brief und meine Antwort sofort zusenden, denn sie hat schon lange und immer wieder nach Deinem Verleiben recherchiert. Wir wähnten Dich selbstverständlich tief im tiefsten Russland. Nun sei von Herzen gegrüßt, auch meine Frau sendet Dir einen Gruß. Mit den besten Wünschen Dein neuer Ringelnatz und alter Bötticher.“19
Um in den Krisenzeiten der frühen 30er Jahre die eigene Existenz zu sichern, hatte sich Selma bereits in ihrem künstlerischen Schaffen auf „Brotkunst“ verlegt. Aber auch die Einnahmen aus dem Verkauf von Blumenstilleben, Portraits und Kinderbildnissen konnten nicht dauerhaft die Kosten für ihren Lebensunterhalt decken. Immer wieder unterstützt das Ehepaar Ringelnatz seine oft mittellose Freundin. Sie schenken ihr zu Weihnachten eine Zehndollarnote (damals ca. 40 Mark) oder leihen ihr 100,-- Reichsmark und erhalten dafür einen Schuldschein. Am 22. Dezember 1930 schreibt Lona-Muschelkalk in ihrem Weihnachtsbrief an Selma:
„(...) Wir schenken Dir nun diesmal also wirklich nichts (...). Wir haben es uns auf Deinen Brief hin anders überlegt. Ich habe mich mit R. (gemeint ist Ringelnatz) zusammengetan, und wir wollen Dir als Weihnachtsgabe Deine Schulden bei uns erlassen, wie Du aus beiliegendem Schein siehst.
Wir hoffen, dass wir Dir dadurch vielleicht eine Sorge vom Herzen nehmen. Und das musst Du uns trotz Deines letzten Briefes doch erlauben.“ 20
Schon bald darauf sind es der Dichter und seine Frau Muschelkalk selbst, die rasch verarmen, da die 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten Ringelnatz Auftrittsverbote erteilen und dem Paar damit seiner Haupteinnahmequelle berauben. Ringelnatz schwinden in der Folgezeit die Kräfte und er zeigt Anzeichen einer Tuberkulose, an der er am 17. November 1934 in seiner Berliner Wohnung verstirbt.21
Von Ringelnatz Tod erfährt Selma aus einem Schreiben von Dr. Julius Gescher (Gescher ist ein Freund von Ringelnatz und späterer Ehemann von Muschelkalk):
„Liebe Selma, jetzt ist es zu Ende mit dem lieben Mann, vorgestern schlief er für immer ein. (...) Jetzt liegt er da wie eine kleine gelbe Wachspuppe, mit einem friedlichen kleinen Gesicht, den Kopf auf der Seite und das rechte Ärmchen unterm Gesicht. (...) Niemand weiss noch von Ringels Tod ausser diesen paar Freunden, morgen wollen wir ihn in aller Stille den letzten Weg begleiten. Wie schnell geht das alles, Selma, wie schnell. Sonst nichts heute zu sagen. Leb wohl! Herzlichst Dein Gescher“ 22

Mit Leonharda Pieper - Muschelkalk bleibt Selma über den Tod Ringelnatz´ hinaus in treuer Freundschaft verbunden. Die Frauen korrespondieren miteinander und begegnen sich im Abstand von Jahren bei Lonas Besuchen in München. Der letzte Brief an Selma datiert vom 18. August 1953 und berichtet von Muschelkalks vorangegangenem Besuch in München und Fürstenfeldbruck:
„(...) aber ich möchte (...) sagen, wie sehr ich mich gefreut habe, Dich zu sehen, und noch dazu so ganz in alter Frische!! Du darfst nicht immer sagen, daß Du alt bist und bald abkratzen wirst: Du siehst völlig unverändert aus, und Du wirkst, wie die Herren hinterher auch spontan bestätigten, so sehr harmonisch und jugendlich, - Coester hat recht: wie ein rocher de bronze!
(...) Bleibe gesund, liebe Selma. In Deinem Häuschen war es so, als wäre ich erst den Tag zuvor dort hinausgegangen – nicht wie vor 5 Jahren. (...) Deine getreue Muschelkalk“ 23
Sie ließ es sich nicht anmerken, aber zu diesem Zeitpunkt erschwerten bereits verschiedene Krankheiten die letzten Lebensjahre von Selma Des Coudres. Mit der Arbeit an den Elfenbeinminiaturen hatte sie sich die Augen verdorben, später kamen Herz- und Magenleiden hinzu. Am 4. März 1956 verstarb Selma in ihrem 73. Lebensjahr in Fürstenfeldbruck bei München.
© 2014
1 Brief von Joachim Ringelnatz an seine Frau Leonharda Pieper (Muschelkalk),
22. September 1930, aus Joachim Ringelnatz, Briefe, Herausgeber Walter Pape, Henssel Verlag Berlin 1988, S. 396
2 Brief von Joachim Ringelnatz an seine Frau Leonharda Pieper (Muschelkalk),
26. September 1930, aus Joachim Ringelnatz, Briefe, Herausgeber Walter Pape, Henssel Verlag Berlin 1988, S. 398
3 Joachim Ringelnatz: Mein Leben bis zum Kriege, Erstausgabe, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1931
Buch mit handschriftlicher Originalwidmung, Privatbesitz
4 Wikipedia „Joachim Ringelnatz“
5 Joachim Ringelnatz: Mein Leben bis zum Kriege, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek
Juni 1966, S. 207
6 Ebd. S. 207 und 208
7 Erinnerungen von Selma Des Coudres, erschienen in: In Memoriam Joachim Ringelnatz, Eine Bibliographie, eingefügt in biographische Notizen, unveröffentlichte Gedichte und Erinnerungen der Freunde, Neu herausgegeben von Frank Möbus, vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, 2010, S. 22
8 Andere Quellen, u.a. Herbert Günther in seiner Ringelnatz Biographie, geben 1911 als das Jahr an, in dem die Reise ins Baltikum stattfand.
9 Erinnerungen von Selma Des Coudres, erschienen in: In Memoriam Joachim Ringelnatz, Neu herausgegeben von Frank Möbus, vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, 2010, S. 22,23
10 Ebd. S.23
11 Joachim Ringelnatz: Mein Leben bis zum Kriege, S. 239
12 Angelika Mundorff M.A. und Dr. Eva von Seckendorff, Ausstellungskatalog „Electrine und
die anderen. Künstlerinnen 1700 bis 2000“ Stadtmuseum Fürstenfeldbruck,
10.7. – 2.11.2008, S. 99
13 Hans Bötticher: Gedichte, Hans Sachs Verlag, München-Leipzig 1910
14 Erinnerungen von Selma Des Coudres, erschienen in: In Memoriam Joachim Ringelnatz, Neu herausgegeben von Frank Möbus, vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, 2010, S. 43,44
15 Joachim Ringelnatz, Als Mariner im Krieg, Diogenes Verlag, Zürich, 1994, Ringelnatz berichtet auf S. 35 von einem Brief, den er von Erna Krall erhalten habe. Darin schriebe sie: „Wanjka Plawneck ist nicht gefangen, hat aber in dem von Spionagefurcht verrückten München eine entsetzliche Straßenszene erlebt. Man hielt sie für einen verkleideten Mann. Die Polizei hat sie vor einer Prügelei errettet und sie umgehend in die Schweiz expediert.“
16 Erinnerungen von Selma Des Coudres, erschienen in: In Memoriam Joachim Ringelnatz, Neu herausgegeben von Frank Möbus, vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, 2010, S. 24
17 Joachim Ringelnatz: Ein Jeder lebt´s, Erstausgabe mit handschriftlicher Originalwidmung, Privatbesitz
18 Herbert Günther: Joachim Ringelnatz, Rowohlt Taschenbuch Verlag, erschienen in der Reihe rororo Monographien, 2005, S. 138-139 Die Erstausgabe des Buches
„Allerdings“ mit der Originalwidmung befindet sich in Privatbesitz
19 Brief von Fanjka (Fanny v. Deeters) an Ringelnatz, 6. April 1926, Das Original
befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach und ist Bestandteil der Ringelnatz-Bibliographie, die Hans-Peter des Coudres dem Literaturarchiv übereignet hat.
20 Brief von Muschelkalk an Selma des Coudres, 22. Dezember 1930, Das Original befindet
sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach und ist Bestandteil der Ringelnatz-Bibliographie, die Hans-Peter des Coudres dem Literaturarchiv übereignet hat.
21 Wikipedia Joachim Ringelnatz
22 Brief von Dr. Med. Julius Gescher an Selma Des Coudres, 19. November 1934, das Original befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach
23 Brief von Muschelkalk an Selma Des Coudres, 18. August 1953, das Original befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach